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Die Hungerbahn als Teil des Ganzen

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ie 1906 erbaute und 1958 erneuerte Drahtseilbahn auf die Hungerburg soll eingestellt
und durch das Grossprojekt einer von der Altstadt bzw. dem Waltherpark über den Inn
geführten Gondelbahn ersetzt werden. Sinn dieses Projekts ist einerseits die laut
Betreiber unrentable Hungerburgbahn loszuwerden und andererseits einen Besuch der Stadt
mitsamt der Berge wie des Alpenzoos in einem bequem von der Altstadt aus zu ermöglichen.
Dies möglichst in Kombination mit einem Busparkplatz nahe dem Zentrum. Es wäre dann möglich
scheinbar alles, was die Stadt Innsbruck zu bieten hat in einem zu konsumieren gerade so wie
man mit zwei Bissen einen Hamburger verzehrt. Daneben will man noch den Anschluss der
Hungerburg an den Innsbrucker Stadtverkehr verbessern.

Abgesehen von der relativ einfachen Lösung Innenstadt und Talstation der bestehenden
Hungerburgbahn mit einem Bus zu verbinden (der Weg zum Alpenzoo ist von der Mittelstation
dann wirklich bewältigbar) und so das touristische Problem der Erreichbarkeit der Bergbahnen
zu lösen, möchte ich einige Überlegungen in die laufende Diskussion einbringen.

Das Einbinden des Bestehenden in neue Konzepte bringt Vorteile. Historische Anlagen geben
oft Individualität einer Art, die Neukonstruktionen nicht bieten können. So hat etwa
jede italienische Stadt dieses Prinzip verstanden und arbeitet touristisch sehr erfolgreich
mit ihrem historischen Baubestand. Wer fühlt nicht den Zauber eines solchen Stadtkerns,
wer geniesst seinen Kaffee denn lieber in einem modernen Einkaufszentrum als auf einer
Piazza. Das Einkaufszentrum ist überall mehr oder weniger diesselbe Mischung aus Klimaanlage,
Glas, Stahl, Beton und Schaufenstern. Die Piazza ist einmalig, jeder Geschlechterturm, jedes
Gebäude ist nur in Mantua, Vicenza oder Verona vorhanden und deshalb fahren wir genau an
diese Orte und geben auch dort unser Geld aus.

Ein Neubau mag beeindruckend sein und auch schön, aber macht nicht bisweilen die Kombination
aus Natur und historischer Technik einen einmaligeren Eindruck als die neuerrichtete? Langsam
Gewachsenes gibt hier am Nordkettenhang ein Flair, das man nicht bewusst herstellen kann.

Bei den Diskussionen zur Weiterentwicklung des Innsbrucker Stadtbilds fehlt eben diese Kategorie
der Einmaligkeit, der Individualität des Ambientes als Gesamterscheinung.

Ein unmittelbarer Vergleich ist in diesem Fall mit Triest möglich, wo es eine ganz ähnliche
Drahtseilbahn gibt, die die Krönung jeder Stadtbesichtigung darstellt und entsprechend gehegt
und gepflegt wird. Man ist sich eben des Werts und des Zaubers dieser Bahn bewusst, die ins
Stadtbild perfekt eingebunden ist und denkt nicht im Traum daran sie durch eine vielleicht
effizientere Anlage mit mehr Kapazität zu ersetzen.

Tourismus bietet in unseren Tagen Qualität und nicht Quantität. In den meisten europäischen
Ländern hat man dieses Prinzip bereits erkannt und versucht das Spezifische das es an einem
Ort gibt vorsichtig in den Fremdenverkehr zu integrieren. Wichtiger für das Funktionieren der
Präsentation einer Stadt ist die Fähigkeit der Verantwortlichen mit dem Gewordensein des
Ambientes umzugehen und da bestünde in Innsbruck die Chance ein grossartiges Stück Technik
mit Charisma und Charme in einer Weise seinen Besuchern zu bieten, das es in dieser Art
nirgends sonst gibt.

Museumsbahnen sind überall Attraktionen, die sich anpreisen lassen, wenn man will. Die
Hungerburgbahn bindet sich zudem in beeindruckender Weise in die Landschaft ein und hinterlässt
einen bleibenden Eindruck. Einerseits weil es wunderschön ist über den Inn zu fahren mit einem
einmaligen Blick auf die Stadt und weiter durch den Wald aufs Plateau. Dann aber auch weil die
Anlage selbst Interesse erweckt, man schaut und sich begeistert für die einfache und gleichzeitig
faszinierende Technik, die Stahlbrücke über den Fluss, das elegante, gemauerte Viadukt über den
Steinbruchweg, weil die Wägen aus den 50er Jahren einen Charakter haben, man sie einfach
sympathisch findet.

Warum die Bahnen auf die Seegrube und das Hafelekar denkmalgeschützt und in ihrem Wert erkannt
werden, die Drahtseilbahn auf die Hungerburg aber nicht, ist nicht nachvollziehbar. Im Septemberheft
von "Innsbruck Informiert" sagt Bruno Wallnöfer sogar, dass ein Innsbruck, das diese "sensationellen
Bahnen unserer Grossväter" aufgibt "nicht im Herzen der Alpen liegen und ein Stück Identität verlieren"
würde. Ein Innsbruck, das die Hungerburgbahn durch ein futuristisches Grossprojekt ersetzt
tut das aber schon?

Innsbruck täte gut daran vorsichtiger mit seinem Gesicht umzugehen und zu erkennen, dass nicht in
allen Fällen die Grösse und die Menge zählt.

Mag. Roland Steinacher
dzt. Inst. f. österr. Geschichtsforschung, Wien



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